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Die rechtliche Problematik der ASIN-Änderung für Händler auf Amazon

I. Einleitung

Der Online-Marktplatz Amazon bietet Händlern die Möglichkeit, ihre Produkte einem weltweiten Publikum anzubieten. Dabei nutzt Amazon ein eigenes System zur Produktidentifikation, die sogenannte Amazon Standard Identification Number (ASIN). Diese ASIN ist eine alphanumerische Kennung, die von Amazon für jedes Produkt vergeben wird, um es eindeutig zu identifizieren. Das Prinzip ähnelt der International Standard Book Number (ISBN) im Buchhandel: Während jedes Buch eine ISBN besitzt, die es weltweit eindeutig kennzeichnet, funktioniert die ASIN auf Amazon in ähnlicher Weise für alle Produkte. Allerdings ist der zentrale Unterschied, dass ASINs nicht von einer externen, unabhängigen Organisation verwaltet werden, sondern vollständig unter Amazons Kontrolle stehen.

II. Die Besonderheiten des ASIN-Systems und die Herausforderungen für Händler

Jedes Produkt darf auf Amazon nur einmal als eigenständiges Angebot existieren. Das bedeutet, dass alle Händler, die dasselbe Produkt verkaufen möchten, sich an eine bestehende ASIN „anhängen“ müssen. Dies führt zu mehreren Herausforderungen:

1.Eingeschränkte Bearbeitungsmöglichkeiten für Händler

Wer sich an eine bestehende ASIN anschließt, hat keine Schreibrechte für die Produktbeschreibung. Damit kann ein Händler weder fehlerhafte noch unvollständige Angaben korrigieren. Enthält eine ASIN beispielsweise keine oder fehlerhafte Garantieinformationen, bleibt der Händler in einer rechtlichen Grauzone: Er kann die Angaben nicht selbst ändern, wird aber dennoch für wettbewerbsrechtliche Verstöße haftbar gemacht.

2. Risiko durch nachträgliche Änderungen der ASIN durch Dritte

Selbst wenn eine ASIN zum Zeitpunkt der Listung rechtskonform ist, kann sie von anderen Nutzern oder durch automatisierte Prozesse seitens Amazon geändert werden. Dies birgt die Gefahr, dass plötzlich unzulässige Garantieversprechen oder falsche Produktbeschreibungen auftauchen, für die alle angehängten Händler in die Verantwortung genommen werden.

3. Beschränkte Möglichkeiten zur Korrektur oder Neuanlage einer ASIN

a) Händler, die eine fehlerhafte ASIN korrigieren möchten, haben nur begrenzte Optionen. Eine Möglichkeit ist, bei Amazon eine Änderung der ASIN zu beantragen, doch solche Anträge werden oft abgelehnt oder nur von bestimmten Gruppen, wie Markeninhabern oder Amazon selbst, genehmigt.

b) Alternativ könnten Händler versuchen, eine neue ASIN für dasselbe Produkt anzulegen – etwa mit korrekten Garantiehinweisen. Doch genau das verstößt gegen Amazons Richtlinien: Eine doppelte ASIN für dasselbe Produkt ist nicht erlaubt. Händler, die dies dennoch tun, riskieren Sanktionen bis hin zur Sperrung ihres Verkäuferkontos.

III. Die rechtlichen Implikationen für Händler

Die Rechtsprechung hat bereits mehrfach entschieden, dass Händler für wettbewerbsrechtliche Verstöße haften, auch wenn sie die ASIN nicht selbst erstellt oder geändert haben. Nach Ansicht der Gerichte liegt ein Verschulden deshalb vor, weil der Händler sich für seine Produktangebote der Handelsplattform Amazon bediente, obwohl ihm bekannt war, dass er auf dieser Plattform keine vollständige eigene Kontrolle über die inhaltliche und formale Gestaltung der Angebote hat (OLG Hamm, Beschluss vom 02.07.2024, I-4 W 6/24; ebenso LG Augsburg 2 HK O 961/2019).

Ein etwaiges Verschulden kann ein Händler nicht mit Fehlern oder nicht steuerbarem Verhalten des Webseitenbetreibers in Abrede stellen (LG Kiel, Urteil v. 30.01.2025 14 HKO 89/23).

Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn Dritte nachträglich eine bestehende ASIN verändern, um Mitbewerber aus dem Markt zu drängen.

IV. Fallbeispiel: Ein Händler will eine ASIN mit Garantieinformationen ändern

Ein Händler möchte beispielsweise einen Fernseher auf Amazon verkaufen. Er stellt fest, dass die bestehende ASIN für dieses Modell keine Garantiehinweise enthält. Da er sich rechtlich absichern will, unternimmt er folgende Schritte:

1. Antrag auf Änderung der ASIN bei Amazon:

Er reicht bei Amazon eine Anfrage ein, um die Garantieinformationen zu ergänzen. Falls Amazon die Anfrage ablehnt (was häufig der Fall ist), bleibt die fehlerhafte ASIN bestehen.

2. Erstellung einer neuen ASIN:

Da er keine bestehende ASIN verändern kann, überlegt er, eine neue ASIN mit den korrekten Angaben anzulegen. Dies ist jedoch ein Verstoß gegen die Amazon-Richtlinien, da es sich um ein bereits existierendes Produkt handelt. Die Folge könnte eine Kontosperrung oder Löschung der ASIN sein.

3. Haftung für bestehende ASINs:

Falls ein Dritter die bestehende ASIN verändert und unzulässige Garantieversprechen einfügt, kann der Händler für Wettbewerbsverstöße belangt werden – selbst wenn er diese Änderungen nicht selbst vorgenommen hat.

V. Fazit: Ein rechtliches Minenfeld für Händler

Das ASIN-System von Amazon zwingt Händler, sich an bestehende ASINs anzuhängen, ohne sie ändern zu können, während sie für Verstöße haften, die Dritte oder Amazon verursachen. Da Neuanlagen verboten und Änderungen oft unmöglich sind, bleibt das System ein rechtliches Minenfeld. Händler müssen ihre Angebote engmaschig überwachen, um Risiken zu minimieren.

Um absolut sicher zu gewährleisten, dass keine Verstöße auftreten, müsste ein Händler im Sekundentakt jedes einzelne Angebot prüfen oder sich komplett von der Plattform zurückziehen. Beides ist zutreffender Weise wohl wirtschaftlich unmöglich. Die Händler müssten sämtliche finanziellen und personellen Kapazitäten ausschöpfen und so oft wie möglich ihre Angebote überprüfen, so dass der Fehler nur wenige Stunden vorgelegen haben könne und nicht durch Dritte festgehalten werden kann.

 

Dr. Harald Schneider
Rechtsanwalt
Fachanwalt für IT-Recht